Narzissmus in Teams  Wenn das Ich das Wir gefährdet

Ich-bezogenes Verhalten im Unternehmenskontext ist kein Randphänomen. In Zeiten von Selbstvermarktung, Leistungsdruck und Wettbewerb kann es sogar belohnt wirken – zumindest auf den ersten Blick. 


Doch was passiert, wenn narzisstische Persönlichkeitszüge überhandnehmen und sich innerhalb eines Teams negativ auswirken? Wie lassen sich die Auswirkungen erkennen, einordnen und professionell steuern?

 

Dieses Essential soll Ihnen helfen toxische Verhaltensweisen frühzeitig zu erkennen!

Zwischen Ausstrahlung und Risikofaktor:  Warum Narzissten oft gut ankommen

Narzisstisch geprägte Personen wirken auf den ersten Blick häufig äußerst charmant, selbstbewusst und kompetent. Sie treten souverän auf, können andere mitreißen, übernehmen Verantwortung – und erzielen nicht selten schnelle Erfolge. Gerade in leistungsgetriebenen Umfeldern mit hohem Sichtbarkeitsfaktor (z. B. Vertrieb, Projektmanagement, Führung) werden solche Eigenschaften oft mit (Leadership-)Kompetenz verwechselt.

 

Das Problem: Hinter der glänzenden Fassade kann sich ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung, Kontrolle und Selbstdarstellung verbergen – auf Kosten von Teams und Organisationen. 

Unterscheiden Sie „Selbstachtung“ von „Narzissmus“!

Selbstachtung und Narzissmus unterscheiden sich hauptsächlich in ihren Auswirkungen und Verhaltensweisen. Selbstachtung zeigt sich in gesundem Selbstvertrauen und Ehrgeiz, während Narzissmus von Arroganz, mangelnder Empathie und der Abwertung anderer geprägt ist. 

Selbstachtung Merkmale

1. Gesunde Selbstliebe

  • Achtet auf sich selbst, setzt Grenzen, erkennt den eigenen Wert
  • Lässt sich nicht auszubeuten und beutet niemanden aus
  • Pflegt einen wertschätzenden Umgang und hilft, stabile Beziehungen zu führen 
  • Motto: „Ich weiß, was ich wert bin, und lasse mich nicht respektlos behandeln.“

2. Selbstbewusstsein & Selbstwirksamkeit

  • Ein realistischer, berechtigter Stolz auf eigene Leistungen.
  • Führt zu intrinsischer Motivation, Führungsfähigkeit, Kreativität.
  • Ergreift gerne die Initiative
  • Motto: „Ich habe dieses Projekt geleitet – das war gut, und darauf bin ich stolz.“

3. Inspiration für andere

  • Wird oft als positiv, charmant oder charismatisch wahrgenommen
  • Überzeugend, ohne manipulativ zu sein
  • Sucht aktiv Allianzen, wirkt kooperativ und mitreißend
  • Motto: „Ich glaube an mich und meine Ziele und kann andere Menschen gewinnen.“

Narzissmus: Welche Gefahren bestehen für Teams und Organisationen?

1. Kommunikationsstörungen und Misstrauen

Narzisstisch geprägte Teammitglieder neigen dazu, Gespräche zu dominieren, andere Meinungen abzuwerten und nicht ernst zu nehmen. Die Folge ist ein gestörtes Kommunikationsklima, in dem Offenheit und Vertrauen leiden.

 

2. Ungleichgewicht in Leistung und Anerkennung

Während Narzissten stark auf Sichtbarkeit und Anerkennung fokussiert sind, wird echte Teamleistung oft marginalisiert. Andere fühlen sich ausgenutzt oder übergangen, was zu Demotivation und belastenden Spannungen führen kann.

 

3. Konfliktanfälligkeit und Machtspiele

Narzissmus fördert ein Klima des Wettbewerbs – auch intern. Wer sich permanent beweisen oder besser darstellen muss, nimmt selten Rücksicht auf kollektive Ziele. Intrigen, verdeckte Konkurrenz und Mikropolitik können die Folge sein.

 

4. Innovationshemmung

Teams leben von Vielfalt und Widerspruch. Narzisstische Personen neigen dazu, abweichende Meinungen abzuwerten oder zu ignorieren, wenn sie nicht zur eigenen Strategie passen. So werden wichtige Impulse überhört – und Innovationschancen vertan.

 

5. Abwanderung von Leistungsträgern

Gerade leistungsfähige, kooperative Mitarbeitende ziehen sich aus toxischen Teamstrukturen zurück, wenn sie wiederholt übergangen, kritisiert oder instrumentalisiert werden. Langfristig gefährdet das die Teamstabilität und den Unternehmenserfolg.


Was Unternehmen tun können

Narzissmus im Teamumfeld ist eine Herausforderung für Unternehmen und Führungskräfte, die konsequentes Handeln erfordert:

 

1. Einigung auf verbindliche Werte

Nicht blind dem Credo „Erfolg gibt Recht“ folgen, sondern vielmehr „Erfolg braucht ein verbindliches Fundament aus Werten und Normen“.

Unternehmen und Teams brauchen tragfähige Werte wie Respekt, Wertschätzung, Lösungsorientierung etc. damit Narzissmus keine Chance hat, Teams zu untergraben.

 

2. Genau beobachten 

Wenn konkrete Werte, Kommunikations- und Verhaltensweisen vereinbart wurden, haben Führungskräfte die Möglichkeit, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und zu benennen. Eine übermäßige Selbstdarstellung, geringe Kritikfähigkeit oder destruktives Teamverhalten sind Alarmsignale und Anlässe, genauer hinzusehen.

Hilfreiche Fragen sind:  Gibt es in meinem Team narzisstisches Verhalten? Ist das Verhalten noch im gewünschten Rahmen oder belastet es das Team? Auf welche Art und Weise, wird miteinander umgegangen? Gibt es abgrenzend gesinnte Grüppchenbildung? Gibt es „Hinten-Rum-Gerede“? Erhöhte Krankmeldungen oder Fluktuationswerte? 

 

3. Gespräche führen
Eine engmaschige Reihe offener, wertebasierter Feedback-Gespräche kann viel bewirken – vorausgesetzt, sie werden professionell geführt und die angesprochene Person ist bereit ihr Verhalten anzupassen.
Ein Team-orientiertes Verhalten kann man lernen, auch narzisstisch geprägte Menschen. Sie müssen jedoch für sich persönlich Vorteile in diesem Verhalten erkennen. 
Um Teamwerte adäquat zu vermitteln, so dass ein Narzisst fähig ist sie anzunehmen und zu verinnerlichen, ist eine hohe kommunikative Kompetenz seitens der Führungskraft notwendig.

 

4. Teamwerte und Zusammenarbeit betonen
Statt Individualleistungen einseitig anzuerkennen, sollte das Augenmerk auf teamorientierten Erfolgen liegen. Leitwerte wie Kollaboration, Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung sollten nicht nur kommuniziert, sondern konsequent vorgelebt werden – auch im Top-Management.
Wo narzisstisches Verhalten destruktiv wird, müssen Führungskräfte klare Grenzen setzen – auch im Sinne des gesamten Teams. Sanktionen oder strukturelle Konsequenzen sollten kein Tabu sein, wenn Teamklima und Unternehmenswerte gefährdet sind.

 

5. Konflikt- und Kommunikationskompetenz fördern
Trainings zu Feedback, Konfliktmanagement und Selbstreflexion können narzisstische Tendenzen „entwaffnen“ – nicht durch Konfrontation, sondern durch die Förderung von Perspektivenvielfalt und Empathie im Team.


Balance zwischen Selbstbewusstsein und Teamgeist

Nicht jede Form von Narzissmus ist per se schädlich – gesunder Selbstwert und Ambition können Teams sogar beleben und stärken. Entscheidend ist, dass individuelle Stärken in den Dienst des Gemeinsamen gestellt werden. 

Führungskräfte spielen dabei eine Schlüsselrolle: durch klare Kommunikation, konsequente Werteorientierung und eine gute Balance zwischen Fördern und Fordern. Nur so gelingt es, aus einem „Ich“-getriebenen Umfeld ein stabiles „Wir“ zu entwickeln – zum Nutzen aller.